Der erste Teil war noch recht geschmeidig. Es war von Tobi geplant, die Belastung im Camp zum Ende hin zu steigern. Belastung zu Entlastung am Anfang 3:1 (Sonntag, Montag, Dienstag Belastung, Mittwoch Entlastung) und am Ende 2:1 (Donnerstag und Freitag Belastung, Samstag Entlastung). Daher ging es ab Donnerstag richtig in die Vollen.

Donnerstag

Killereinheit! Geplant waren ca. 120 Kilometer mit rund 2.500-3.000 Höhenmeter. Gekommen ist es aber ganz anders! Es gab wieder zwei Gruppen. Die starke Gruppe fuhr voraus, die langsame Gruppe fuhr die gleiche Strecke und sollte im Zweifelsfall die “schwächeren” Mitglieder der starken Gruppe am Passo Della Spina (rund 1.500 Höhenmeter) aufnehmen. Ich war in der schwächeren Gruppe und die Anfahrt war absolut unproblematisch. Wir machten nach zwei Bergen mit rund 1.200 Höhenmeter und rund 60 gefahrenen Kilometern in einer Pizzeria am Lago d’Idro eine kurze Pause und ich musste erstmal einen Teller Nudeln essen. Gerade als wir wieder losfahren wollten, kam ein Anruf der anderen Gruppe. Die geplante Strecke sei nicht so gut, eher eine Schotterpiste, schlechter Zustand, kein Spaß etc. Wir beschlossen, trotzdem den Berg hochzufahren und umzukehren, falls der Zustand der Straße zu schlecht werden würde. Der Berg waren geschmeidige zehn Kilometer NUR bergauf, da gab es keine Sekunde zum Ausruhen. Ich schätze mal, dass ich wahrscheinlich 2/3 der Strecke nur im Wiegetritt hochgefahren bin. Das war teilweise schon grenzwertig. Nach ca. 70 Minuten war die Quälerei vorbei und wir waren am vermeintlichen Gipfel. Wir fragten einen zufällig vorbeifahrenden MTB, der beim Anblick unserer Rennräder nur den Kopf schüttelte, nach dem Weg. Leider war das Gespräch nicht sonderlich informativ. Der Herr konnte kein Deutsch und auch kein Englisch. Wir kein Italienisch. Tobi probierte es mit Spanisch, konnte dadurch aber die Situation auch nicht deutlich verbessern. Tobi zeigte ihm die von Frank notierte Route. Daraufhin war der MTBler nur noch am fluchen und wollte uns mit Händen und Füßen davon überzeugen, dass das mit unseren Rädern nicht machbar sei - das ist auf jeden Fall meine Interpretation der Gesten.
Nach einer kurzen Diskussion wurde im angrenzenden Gasthof kurz nach dem Weg gefragt. Da gingen die Probleme dann weiter. Die Wirtsleute waren sehr nett, haben uns kostenlos die Wasserflaschen aufgefüllt, während wir die Bestände an Mars und Schokolade maximal dezimiert haben. Leider konnten sie nur Italienisch, wir nur Deutsch und beide schlechtes Englisch. Hat sich dann alles ziemlich gezogen. Als wir ihnen erklärten, woher wir kamen (Iseo) und dort auch wieder hinwollten, erklärten sie uns kurzerhand für verrückt. Als Informationen bekamen wir die Aussagen, dass eine rund zwei Kilometer lange Schotterpiste auf uns wartete, wie es danach weitergeht, konnten sie uns leider nicht sagen. Da die Uhrzeit schon etwas fortgeschritten (16:00 Uhr) war und wir noch einen langen Weg (50 Kilometer) vor uns hatten, nahmen wir also den letzten Anstieg in Angriff. Inzwischen war es allen lausig kalt, da das angekündigte “Versorgungsfahrzeug” mit den Rucksäcken nach Ankunft der ersten Gruppe wieder zurückgefahren war und wir alle - im besten Fall - nur mit einer dünnen Windjacke auf rund 1.600 Metern mit dem Rad fuhren. Die erstem Meter der Strecke waren noch schön asphaltiert, doch dann lauerte das Grauen! In einer recht dunklen Galerie lagen ca. 30 Zentimeter große Felsbrocken. Also runter vom Rad, schieben. Am Ende der Galerie dann der angekündigte Schotterweg. Den kann man allerdings noch nicht mal mit dem Mountainbike ordentlich befahren, geschweige denn mit einem Karbon-Rennrad mit Zipp-Laufrädern. Der auf diesem Bild abgebildete Weg ist die aufgeräumte Variante. Wenn man sich jetzt noch ca. eine Million Felsbrocken von drei bis 15 Zentimetern Größe dazudenkt, kommt es in etwa hin. Mit den Radschuhen mit den SPD-SL Pedalplatten auf Rasen zu laufen ist schon nicht angenehm, aber auf einer absolut üblen Schotterpiste ist das die Hölle. Nach rund 800 Metern trafen wir einen Wanderer. Auch dieser konnte nur Italienisch allerdings auch ein wenig Englisch. Nach rund fünf Minuten Diskussion ergaben sich die folgenden Fakten:

  • Der Schotterweg geht noch rund 500 Meter,
  • danach kommt ein kurzes Asphaltstück,
  • danach nochmal Schotter und
  • danach versperrt eine abgegangene Lawine die ganze Straße.
  • Zur Beschaffenheit des Weges danach konnte er keine Angaben mehr machen.

Das war sicher nicht das, was ich um inzwischen 16:45 Uhr auf 1.600 Höhenmetern bei irgendwas zwischen fünf und sieben Grad Celsius mitten auf einem Schotterweg und noch mindestens 50 oder im schlechten Fall rund 70 Kilometern Wegstrecke hören wollte. Da das Handy dort oben nicht funktioniert, konnten wir uns auch nicht bei der anderen Gruppe informieren, wie der Weg bis/nach der Lawine aussieht. Nach einer kurzen, aber leidenschaftlich geführten Diskussion entschlossen wir uns dazu, umzukehren und uns am Lago D’Idro abholen zu lassen. Die Abfahrt war nicht sonderlich schön. Alle waren vollkommen ausgekühlt, da macht eine Abfahrt über zehn Kilometer nicht so richtig Laune. Ich habe fast die ganze Abfahrt nicht in die Pedale getreten, um nicht noch schneller zu werden. Mein Vereinskollege ist vor lauter Zittern fast vom Fahrrad gefallen. Nach der Abfahrt kehrten wir wieder in der Pizzeria vom Nachmittag ein und warteten rund 1,5 Stunden auf den VW-Bus, der uns abholen sollte. Hat sich alles ziemlich gezogen, da man auch mit dem Auto über die zwei Berge muss. Die Rückfahrt gestalte sich dann etwas schwierig, weil wir noch zwei Mal anhalten mussten (Übelkeit, Unterzucker). Kurz vor 21:00 Uhr waren wir dann endlich auf dem Campingplatz und ich musste erstmal alles, was essbar und in erreichbarer Nähe war, in mich reinschieben. Danach eine kochend heiße Dusche und eine Pizza. Der Abend war dann um 22:20 Uhr beendet.

Freitag

Nachdem die Königsetappe vom Donnerstag nicht so richtig königlich war, wurde kurzfristig für den Freitag eine neue Königsetappe geplant. 80 Kilometer mit rund 1.600 Höhenmetern waren geplant. Wieder gab es zwei Gruppen, die Zusammensetzung unterschied sich allerdings von der vom Vortag. Ich war wieder in der zweiten Gruppe und wollte am letzten Tag nochmal etwas powern und betätigte mich daher auf den flachen Stücken immer als Pacemaker vorne im Wind. Die anderen hatten aber keine so richtige Lust, mir zu folgen und kurbelten irgendwas um die 26 km/h zusammen. Am ersten Berg (rund 500 HM) fuhr jeder sein Tempo, die schnelleren Radfahrer warteten regelmäßig auf die langsameren. So zog sich das alles dahin, einige technische Probleme an einem Fahrrad machten etwas Ärger, konnten aber von Matze (Koch, Mechaniker, Mann für Alles) fachmännisch beseitigt werden. Nach rund 50 Kilometern kam dann der finale Berg. Wobei Berg nicht so richtig beschreibt, was uns da erwartete. Ich denke, der Begriff Steilwand trifft es besser. Die ersten 100 Metern hatten mindestens (und hier untertreibe ich wahrscheinlich noch schamlos!) 19% Steigung, ich bin definitiv fast vom Fahrrad gefallen. Danach ging es dann deutlich flacher rechts weiter, Linkskurve und dann der Hammer: Auf einem Schild wurden 17% Steigung angekündigt. Tobi meinte, dass das nicht sonderlich lang gehen könne, da der gesamte Anstieg ja “nur” zehn Kilometer lang ist und “nur” rund 1.100 Höhenmeter hat. Nun gut, also weiter kurbeln, hilft ja nichts, wir müssen da drüber. Die Straße war so steil, dass zwei Leute abgestiegen sind und das Fahrrad geschoben haben. Wahnsinn! Ich bin mit weniger als 50 Umdrehungen und rund 280 Watt maximal im Schneckentempo (die Schnecke hätte mir beim Überholen wahrscheinlich noch frech ins Gesicht gegrinst) den Berg hochgekrochen. Das nahm kein Ende und zeichnete sich auch nicht ab, dass es irgendwann wieder flacher wird. Mental war das eine sehr gute Übung für Roth. Immer wenn ich dachte, dass es nicht mehr geht, habe ich noch eine Umdrehung gemacht und noch eine und noch eine. Nach rund 2,5 Kilometern wurde die Strecke deutlich flacher und es war erstmal Pause angesagt. Genau an dieser Stelle befindet sich (warum auch immer) ein Friedhof, auf dem es eine Wasserstelle gibt. Das war absolut notwendig, weil die Wasserflaschen bei allen fast oder bereits leer waren. Nach einer längeren Pause, einem Liter Wasser und einem Riegel ging es auf die letzten 7,5 Kilometer. Auch die waren kein Spaß, gemessen an den 2,5 Kilometern zuvor aber fast schon eine Abfahrt. Ich hatte die ganze Zeit am Garmin nur noch die Anzeige eines Datenfeldes im Auge: Die absolute Höhe. Ich wusste, dass wir auf rund 1.100 Meter Höhe mussten. Alle anderen Datenfelder (HF, TF, Wattzahl, Geschwindigkeit) bewegten sich auf nahezu irrealen Niveaus, so dass man daraus nicht ableiten konnte, wie lange der Aufstieg noch gehen wird. Nach ungezählten Kurven waren wir dann endlich oben. Ich denke, man konnte den Stein deutlich hören, der allen vom Herzen gefallen war. Das war maximale Quälerei. Vor der Abfahrt nochmal die Flaschen an einem Brunnen aufgefüllt und die gute Mavic Neptune übergezogen. Danach ging es ca. zwölf Kilometer nur bergab. Grandios! Scheibenbremsen hätten mir allerdings besser gefallen. Unten angekommen ging es noch einige Kilometer bis Samico. Dort haben wir uns erstmal alle eine extragroße Portion Eis gegönnt. Die Lust, die restlichen 25 Kilometer durch die Weinberge zu kurbeln wollte nicht mehr so richtig aufkommen. Also fuhren wir die letzten 15 Kilometer Richtung Campingplatz. Um nochmal Druck auf die Beine zu bekommen, entschloss ich mich dazu, die letzten zehn Kilometer auf dem Aerolenker zu verbringen. Das war sicher ein tolles Bild: Mit dem Lezyne zwei Liter Trinkrucksack (in dem Wechselkleidung etc. verstaut war) auf dem Aerolenker mit Vollgas durch den italienischen Feierabendverkehr. Mir hat es gefallen. Eigentlich wollte ich danach noch zehn Kilometer hart auslaufen, konnte das aber wegen dem gebuchten Abendessen in einer Pizzeria nicht mehr machen.

Fazit

Das Camp hat sich auf jeden Fall gelohnt. Das Konzept von Tobi und Judith begeistert mich. Das ist ein wenig wie Familienurlaub mit großem Trainingsanteil. Sowas muss man allerdings mögen. Das kann man sicher nicht mit einem durchgeplanten Camp auf Malle vergleichen. Aber das ist auch nicht deren Anspruch. Die Impronummer auf dem Passo Della Spina hätte es sicher nicht gebraucht, aber ich denke, alle haben dabei was gelernt. Ich war auf jeden Fall sehr froh, dass ich mir noch die Mavic Neptune Regenjacke vor dem Trainingslager gekauft hatte und diese auch hinten in meiner Rückentasche dabei hatte.
Ich habe mich im Camp auf jeden Fall nicht abgeschossen, was man ja immer mal wieder von den anderen Sportlern hört. Ich denke, dass es zum einen daran lag, dass wir nach der Rückkehr von der Radtour bis zum Abendessen meist kaum Zeit hatten und danach keiner mehr Lust hatte, sich nochmal zu bewegen. Zum anderen gab es keine Räumlichkeiten in denen man sich üblen Rumpfstabimuskelkater oder ähnliche unangenehme Schmerzen zuziehen konnte. Und sehr wichtig war auch die Tatsache, dass die beiden Gruppen relativ homogen waren. Es kam nicht zu den in Trainingslagern häufig üblichen ich-kann-schneller-und-länger-und-besser-als-Du-Aktionen, die sehr häufig dafür verantwortlich sein dürften, dass man total fertig aus einem Trainingslager zurück kommt.

Das Essen (Frühstück und Abend) war immer suuuper lecker, alles war ausreichend vorhanden. Ich bin bekanntermaßen beim Essen etwas wählerisch, kam aber mit dem bereitgestellten Essen immer zurecht und habe teilweise über die Maßen gefuttert. Das mit der negativen Energiebilanz dürfte wahrscheinlich nicht so ganz geklappt haben. Ich überlege im Moment tatsächlich, das Camp im nächsten Jahr nochmal zu machen. Dann aber mit einem Rennrad mit drei Blättern und einem Garmin Edge 800 mit der Route.

Stats

Von den Umfängen her haben wir noch nicht mal soooo viel trainiert. Die Qualität an den Bergen dürfte die Quantität allerdings mehr als wett machen. Die Steigerung zu meinen normalen Belastungswochen ist auch in Ordnung, da war ich immer irgendwo bei 15-17 Stunden, wobei dort der Radanteil viel kleiner ist.

Swim: 2 Einheiten, 5 Kilometer, 02:15 Stunden
Bike: 5 Einheiten, 424 Kilometer, 24:37 Stunden
Run: 5 Einheiten, 24 Kilometer, 02:20 Stunden
Gesamt: 12 Einheiten, 453 Kilometer, 29:12 Stunden, 4.440 Höhenmeter