Zu schnell angefangen und dann schnell nachgelassen Fast ein Jahr Training mit insgesamt 2.171 Laufkilometern, 4.420 Kilometern auf dem Rad/Radergometer und 231 Kilometern im Schwimmbecken sollte sich beim München Marathon 2010 mit einer Zeit um (am liebsten unter) 03:00:00 Stunden bezahlt machen. So hatte ich es geplant und habe dafür fast 450 Stunden Training und ungezählte Euro investiert. Wunsch und Wirklichkeit sind manchmal aber leider nicht deckungsgleich. Rückblickend muss ich sagen, dass die 03:00:00 ziemlich utopisch waren.
Das Rennen fing sehr gut an und die ersten 15 Kilometer waren richtig locker. Die Beine waren gut, der Schnitt stimmte und Johannes und ich konnten einige Läufer einsammeln. Bei Kilometer 17 ging es dann die Montgelasstrasse hoch und der Schnitt ging auf 04:23 runter. Das war irgendwie schon der Anfang vom Ende. Danach wurden die Schritte schon schwerer und zur 21 Kilometermarke fiel der Schnitt auf 04:22 Minuten pro Kilometer. Ab da gab es nur noch eine Richtung: Abwärts!
Bei Kilometer 30 gab es dann die erste Gehpause, gegen die ich mich zuvor lange gewehrt hatte. Aber es half nichts, die Beine wollten nicht mehr. Es ging immer weiter runter mit dem Schnitt, der bei Kilometer 40 mit 08:19 (!) Minuten pro Kilometer seinen absoluten Tiefpunkt erreichte. Die Ernährung hat meiner Meinung nach gepasst, die zwei Fuel Belt Gürtel mit dem High5 4:1 waren eine gute Idee. Aber die Kraft fehlte einfach. Ich denke, dass es zum einen damit zusammenhängt, dass ich nicht sonderlich viele reine langen Läufe in den Beinen hatte. Die langen Koppeleinheiten erzielen bei mir offensichtlich nicht den gewünschten Effekt. Und zum anderen waren die angepeilten 03:00:00 von Anfang an nicht zu erreichen und ich habe mich beim Halbmarathon mit 01:29:15 schon abgeschossen.

Auch dieses Jahr war wieder mächtig was los Ich habe grandios gelitten auf meinem zwölf Kilometer langen Spaziergang von der 30er Marke bis ins Ziel. Hätte ich das iPhone dabei gehabt, hätte ich direkt die Storno-E-Mail für die Challenge in Roth 2011 abgeschickt. Die Beine haben mir noch nie so geschmerzt und ich habe ca. 20 Mal daran gedacht, den Wettkampf einfach abzubrechen. Die “unterhaltsamsten” Episoden, an die ich mich noch errinnern kann: Ab Kilometer 34 habe ich immer die Augen nach einem Kiosk oder einer Bäckerei aufgehalten, um mir eine Cola zu kaufen - zwanzig Euro hatte ich für den Notfall einstecken - ich habe aber leider keine entdecken können.
Bei Kilometer 37 wollte ich auf die Notreserve Mars und den Traubenzucker in meiner Rückentasche zurückgreifen und stellte fest, dass ich beides unterwegs verloren hatte. Zum Glück hatte ich in meiner linken Beintasche noch einen High5 Riegel, den ich mit absolut trockenem Mund irgendwie nach unten würgte.
Bei Kilometer 38 habe ich dann zwischen all den anderen Läufern einen Vereinskollegen entdeckt (wer langsam geht, hat viel Zeit sich umzuschauen), der auch schon sichtbar angeschlagen, aber immer noch zügig unterwegs war. Da hatte ich die Idee, zu ihm aufzuschließen und mich von ihm “ziehen” zu lassen. Aufschließen konnte ich noch und stellte dann fest, dass seine rechte Gesichtshälfte voller Blut war. Für ein kurzes erklärendes Gespräch reichte es gerade noch: “Bin bei Kilometer 34 auf irgendwas ausgerutscht und auf den Asphalt gestürzt.” Für mehr reichte es nicht, weil ich das Tempo (04:40) nicht mehr mitgehen konnte. Er hat mir auf die drei Kilometer bis ins Ziel noch zehn Minuten Zeit aufgebraten.
Ab Kilometer 38,5 wäre ich sogar bereit gewesen, in die nächste Kneipe zu gehen, um mir mit meinen zwanzig Euro eine Cola (am besten gleich eine ganze Flasche - oder noch besser: Kiste) zu kaufen, aber da gab es keine Kneipen mehr, die kamen alle weiter vorne.
Die Splitzeiten des Grauens. Man beachte die letzte Zeile Nach einer längeren Gehpause bei Kilometer 39 wollte ich wieder mit dem “Laufen” anfangen. Da schoss mir in die rechte Wade ein Schmerz, der mich vermuten ließ, dass mir jemand einen Schraubendreher quer durch die Wade gebohrt hat. Zum Glück war es aber nur ein Krampf. ;-) Die letzten 1,2 Kilometer habe ich dann mit einem Schnitt um die 05:10 Minuten absolvieren können und war einfach nur froh, endlich im Ziel zu sein. Immerhin war ich im Ziel und nicht wieder im Krankenhaus. Komischerweise sind meine Beine heute auch nicht viel schwerer als nach den längeren Einheiten, ich kann ganz normal Treppen hoch- und runtergehen. Die Regeneration ist also definitiv nicht mein Problem.

Mein Lieblingsspruch des Hobby-Philosophen und Profi-Triathleten Timo Bracht lautet: “Ich habe bei diesem Rennen wieder viel über mich gelernt.” Und das trifft auch bei mir absolut zu. Das hier habe ich am Sonntag unter anderem gelernt:

  • Beim Sport zählen schlussendlich nur harte Fakten, keine errechneten Werte aufgrund von 5er, 10er oder Halbmarathonzeiten.
  • Ein Marathon Sub 03:00:00 ist eine ganz harte Geschichte.
  • Mein Körper will einfach nicht mehr als zwei Stunden am Stück schnell laufen.
  • Aufwand und Ertrag stimmen bei mir nicht, bin wohl eher ein Trainingsweltmeister.
  • Im nächsten Jahr werde ich deutlich kleinere Brötchen backen und den Anspruch reduzieren.
  • Die Salztabletten sind auf jeden Fall ihr Geld wert.
  • Wer mal längere Zeit intensiv in sich gehen will, sollte unbeding einen Marathon machen und dabei seine inneren Grenzen ausloten.
  • Wer behauptet, dass ein Marathon Spaß macht, hat ein seltsames Spaßverständnis und lacht wahrscheinlich auch über Witze von Fips Asmussen.

Ergebnis: 03:34:52
Platzierung: Platz 1504 von 5178 (AK: 253 von 679)